Hebelprodukte richtig verstehen

Anlegern stehen Warrants, Knock-Out Warrants, Mini-Futures und Faktor-Zertifikate zur Auswahl – Eine genaue Analyse lohnt sich. Weltweit gehört der Schweizer Derivatmarkt zu den grössten. Von den gesamt 35‘000 kotierten Produkten entfallen über 23‘000 auf die Kategorie der Hebelprodukte. Dabei gehören 16‘000 zu den Warrants (Optionsscheine), 2‘700 zu den Knock-Out Warrants und 3‘800 fallen auf Mini-Futures. Die restlichen Papiere teilen sich in Faktor-Zertifikate, Spread-Warrants und diverse Hebelprodukte auf. Darüber hinaus sind auf der Swissquote Swiss Dots Plattform nochmals etwa 36‘000 Produkte von UBS und Goldman Sach im Angebot (28‘500 Warrants, 6‘000 K.Os und knapp 1‘500 Mini Future).

Wie es der Name bereits andeutet, steht für Hebelprodukte der Hebel und somit die spekulative Eigenschaft im Vordergrund. Mit Hebelprodukten kann mit geringem Kapitaleinsatz überproportional an der Kursentwicklung eines Basiswerts partizipiert werden. Derweil werden Varianten ohne Knock-Out (Warrants, Spread-Warrants und Faktor-Zertifikate) und auch Instrumente mit Knock-Out angeboten (Mini-Futures und Knock-Out Warrants). Diese Produkte können jedoch nicht nur zur Spekulation verwendet werden. Gewisse Produkttypen eignen sich ausserdem auch zur Absicherung von Positionen (Hedging).

Eine konkrete Marktmeinung ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Anlage in Hebelprodukte. Will jemand bspw. auf steigende Aktienkurse spekulieren, stellt sich rasch die Frage nach dem Wie. Dem Anleger muss bewusst sein, dass sich Hebelprodukte unterschiedlich gegenüber verschiedenen Faktoren (bspw. Zeitwertverlust und Volatilität) verhalten. Nur wenn der Investor ihren Einfluss versteht, ist er in der Lage, erfolgreich in Hebelprodukte zu investieren.

Volatilität im Auge behalten
Der populärste Produkttyp sind Warrants. Sie werden von einem Emittenten lanciert. Der mit Abstand wichtigste Einflussfaktor auf den Preis von Warrants ist die sogenannte implizite Volatilität (erwartete Schwankungsbreite). Klettert sie, verteuern sich Call- und Put-Warrants. Sinkt die Schwankungsbreite, verbilligen sich die Papiere.

Neben einer klaren Marktmeinung ist für die Spekulation mittels Warrants deshalb auch immer die Einschätzung zur aktuellen und künftigen Volatilität des Basiswerts wichtig. Ein guter Indikator für die allgemeine Stimmung am Schweizer Aktienmarkt ist das Volatilitätsbarometer VSMI auf den SMI. Im Durchschnitt bewegt sich dieser Indikator auf rund 20%. Werte unterhalb dieser Marke gelten als tief, während Kurse gegen 30% hoch sind. Ende 2008 – unmittelbar nach dem Konkurs von Lehman – waren sogar Notierungen auf 85% zu beobachten. Der VSMI liegt derzeit auf historisch tiefen 12.5%. Als Faustregel gilt, dass die Volatilität in steigenden Aktienmärkten fällt und bei sinkenden Aktiennotierungen klettert.

Um den Einfluss der Schwankungsbreite zu illustrieren, hilft folgendes Rechenbeispiel (vgl. Tabelle). Hätte der Anleger bspw. Ende November 2008 auf dem Höchst des VSMI mittels Call-Warrants auf den SMI spekuliert, wäre er fünfzehn Tage später trotz eines Kursanstiegs von knapp 400 Punkten nicht im Gewinn gewesen – Warrants waren die falsche Anlageform.

Ebenso muss der Zeitwertverlust beachtet werden. Liegen Warrants am Ende der Laufzeit aus dem Geld, verfallen sie wertlos. Je näher der Verfalltermin rückt, desto schneller verlieren sie an Wert. Es lohnt sich darum selten, aus dem Geld liegende Warrants mit kurzer Restlaufzeit zu erwerben.

Eine riskantere Alternative zu Warrants stellen Knock-Out Warrants dar. Sie unterscheiden sich durch die eingebaute Knock-Out-Schwelle. Wird diese berührt, verfallen die Produkte wertlos. Im Gegensatz zu herkömmlichen Warrants weisen Knock-Outs einen geringen Zeitwertverlust auf.
Die Volatilität ist für die Bewertung von Knock-Out Warrants jedoch kaum ein Faktor, der die Produkte verteuert. Denn hohe Schwankungsbreiten erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Berührung der Knock-Out-Schwelle und somit eines Totalverlusts. Eine allgemeine Aussage kann jedoch zum Einfluss der Volatilität nicht gemacht werden, da es immer davon abhängt, wie weit der Basiswert vom Strike entfernt ist.

MiniFutures – die eine unbegrenzte Laufzeit aufweisen – bieten sich ebenfalls an. Dieser Produkttyp ähnelt einer fremdfinanzierten Investition. Ein Teil des benötigten Kapitals wird durch den Emittenten bereitgestellt. Hält ein Investor das Produkt über Nacht, zahlt er Zinsen. Das verändert den Finanzierungs-Level und die Knock-Out-Schwelle (Stop Loss) des Produkts. Dividendenzahlungen werden vollständig vom Finanzierungs-Level abgezogen. Durch ihre Konstruktion sind Mini-Futures volatiltätsneutral.

Veränderung des Hebels

Wie berechnet sich ein Hebel? Spricht man von Hebel, ist das sogenannte Gearing gemeint. Diese Kennzahl sagt aus, wie oft der aktuelle Preis des Produkts im Basiswert enthalten ist (vgl. Textbox).

Für Warrants wird meist der effektive Leverage errechnet, indem das Gearing mit dem Delta (Sensitivität gegenüber Basiswert) multipliziert wird. Da in Knock-Outs und Mini-Futures das Delta meist eins beträgt, entfällt diese Umrechnung. Es lohnt sich, den Hebel selbst auszurechnen oder auf dem Emittentenportal nachzuschauen, da auf vielen Finanzseiten die Werte oft auf veralteten Daten beruhen.

Die mögliche Rendite kann kalkuliert werden, indem die erwartete Performance des Basiswerts mit dem Hebel multipliziert wird. Der Hebel ist jedoch nicht fix, sondern verändert sich, sobald der Basiswert eine Kursänderung vollzieht. Das erschwert die Hedging-Aktivität von Investoren.

Ein gutes alternatives Instrument mit konstantem Hebel wird seit Juni 2010 angeboten. Es nennt sich Faktor-Zertifikat. Diese Zertifikate zeichnen sich durch einen fixen Hebel – zwischen drei bis zehn, einer geringen Geld- und Briefspanne (Spread) und Volatilitätsneutralität aus. Die Faktor-Zertifikate haben eine unbegrenzte Laufzeit, keine Knock-Out-Schwelle und beziehen sich auf einen Index. Es werden sowohl Long- als auch Short-Varianten angeboten. Jedem Index liegt ein Basiswert zugrunde, dessen Rendite auf Tagesbasis berechnet wird. Die Gefahr eines Totalverlusts ist nicht vorhanden. Allerdings müssen die Basiswerte einen klaren Trend aufweisen, ansonsten erleiden Faktor-Zertifikate aufgrund der Pfadabhängigkeit bei Seitwärtsmärkten (vorallem bei grösseren Ausschlägen in die falsche Richtung) überproportionale Verluste

Private scheuen Verluste

Was in der Praxis oft verfolgt werden kann, ist die Aversion gegenüber Verlusten (Loss Aversion). Privatanleger hoffen meist vergebens, dass sich der Markt wieder zu ihren Gunsten wendet. So verpassen sie häufig, sich mit einem begrenzten Verlust von der Anlage zu verabschieden. Gerade für Warrants ist das wegen des zunehmenden Zeitwertverlusts oft fatal. Auch in Knock-Outs und Mini-Futures endet dieses Verhalten oft in einem Totalverlust.

Das passende Hebelprodukt hängt immer vom persönlichen Risikoprofil und der Marktsituation ab. Erwartet der Anleger eine steigende Volatilität, empfiehlt es sich, Warrants zu kaufen. Während bei sinkenden Schwankungsbreiten Mini-Futures oder Faktor-Zertifikate zu bevorzugen sind. Soll jedoch ein hoher Hebel eingesetzt werden, findet man unter Knock-Out Warrants oder den Mini-Futures das passende Produkt.

Eine eher konservativere Wahl ohne Knock-Out-Gefahr stellen Faktor-Zertifikate dar. Liegt der Investor mit der Auswahl des Basiswerts oder seiner Markterwartung daneben, nützt das ausgeklügeltste Hebelprodukt aber wenig.

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form in der FUW vom 16.3.11

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